Das Hochwasser 1953 in Somsdorf


Im Mai 1953 wurde Somsdorf von einem schweren Unwetter heimgesucht, dazu habe ich handschriftliche Aufzeichnungen meines Großvaters, Herrn Konrad Schumann, gefunden, welche ich nachfolgend wörtlich wiedergeben möchte:

Unwetterkatastrophe verwüstet unser Dörfchen!

Am Sonntag den 17.Mai 1953 wurde unsere Heimat von einem schweren Unwetter heimgesucht, welches großen Schaden an Häusern und besonders an den Straßen anrichtete. Eine Woche früher, am Sonntag den 10.Mai schneite es in den frühen Morgenstunden derartig stark, so daß sich eine geschlossene Schneedecke von ca. 8-10cm gebildet hatte. Aber schon am Himmelfahrtstag (14.05.) und besonders am Sonnabend den 16.05. herrschte große Hitze, die auch am Sonntag anhielt und in den Mittagsstunden schier unerträglich wurde. Kurz nach Mittag ballten sich aber im Südwesten Gewitterwolken zusammen und auch aus Nordwest kamen dunkle Wolken gezogen. Bald kam auch ein heftiger Sturm auf und schon öffnete der Himmel seine Schleusen. War es zu Anfang wolkenbruchartiger Regen, so mischten sich bald noch Hagelkörner dazwischen, die zum Teil beträchtliche Größe hatten. Sehr schnell konnte der sonst so stille Dorfbach die Wassermassen nicht mehr aufnehmen, da die Rohre verschlammt waren. Es suchte sich Platz und riß mit fort was im Weg stand. Ob es nun Schuppen waren oder Zäune und Karnickelställe, alles wurde fort gespült, ja selbst Mauern fielen zusammen. Besonders schlimm war es am Dorfplatz und im Garten vom ehemaligen Bergkeller (Anm.: Alter Berg 6). Zunächst floß das Wasser wie immer bei starken Regengüssen in den Gräben entlang und auch im Bach rauschte es mächtig. Als aber dann der Hagel einsetzte kamen schon die Wassermassen zwischen Kühns Haus und Konsum hervorgeschossen und auch das letzte Stück Berg kam es herunter gelaufen. Durch den Hagel war aber mittlerweile die Sicht so schlecht geworden, daß ich vom Dorfplatz kaum noch etwas erkennen konnte. Nur den Wegweiser sah ich noch stehen. Inzwischen regnete es im Klosett und wir holten noch den Wäschekorb mit der Wäsche dort heraus. Als ich dann wieder ans Fenster trat, stand dort das Wasser schon fast bis ans Fensterbrett und wir schafften zunächst unsere Hannelore (Anm.: Schumanns Tochter) ins 1. Stockwerk.. Mittlerweile hatte auch das Wasser an unserem Haus sein Zerstörungswerk begonnen. Als erstes fiel die Mauer die das Bachbett abgrenzte. Dann wurde unsere Abortgrube mit fort gespült und kurz darauf stürzte auch der Abortanbau selbst in die Fluten (siehe auch nachfolgende Bilder: Bild Nr.4). Vorn an der Hausecke hatte der Zaun lange den Fluten standgehalten und das Wasser angestaut. Als wir schon dachten, jetzt läuft es gleich in die Stube, brach er aber doch noch um und die Fluten ergossen sich auf den alten Berg. Wir Bewohner vom Bergkeller kamen uns vor wie auf einer Insel im tobenden, brausenden Meer. Am Wegweiser hatten die Fluten nun auch das Alpinum fortgerissen. Glücklicherweise wurde es aber nun auch wieder heller und auch der Regen ließ nach. Sobald es möglich war, ging ich hinaus um zu helfen, wo Hilfe nötig war. Wie aber sah unser Dörfchen aus? Genau eine halbe Stunde hatte das Unwetter getobt, dann war seine Macht gebrochen. Die Dorfstraße war ihrer Decke beraubt, zwischen Konsum und Kühn der Weg tief aufgerissen und der Dorfplatz zeigte tiefe Löcher. Der Wegweiser stand zwar noch, mußte aber der Sicherheit halber umgelegt werden. Tiefe Rinnen waren auch auf dem Berg gerissen und die Kabel und Wasserleitungsrohre sind freigespült, so daß der meiste Teil frei liegt. Teile der Bachmauer sind eingestürzt und unterhalb Störzels das Pflaster der neuen Straße aufgerissen. Dort hatte sich der Bach ein neues Bett gesucht und hatte auch am 2. Berg tiefe Löcher gerissen. Alles was einmal aufgeschüttet wurde, war fort geschwemmt. Ja, dort war die Verwüstung noch größer. Auch die vor 2 Jahren neu erbaute Anlage zur Bachbettregulierung war zum größten Teil verschwunden. Bei Petrowskys Garage war natürlich der Durchfluß ebenfalls sofort verstopft, ja das ganze Bachbett fast in Straßenhöhe zugespült, so daß sich die Fluten über die Straße ergossen und in Zimmermanns Garten und Hof großen Schaden anrichteten. Dort und auch in Morgensterns Haus drang das Wasser auch in die Keller. Bei Morgensterns außerdem noch in die Parterrewohnungen. Dort unten wurde ebenfalls ein Teil des Straßenpflasters aufgerissen. Kurt Träger der zu Anfang des Wetters das Wasser vom Hof (Anm.: Gut im Oberdorf) ableiten wollte, wurde von der Flut überrascht und mußte auf einer Zaunsäule Zuflucht nehmen. Dort verbrachte er wahrscheinlich die schwerste halbe Stunde seines Lebens. Trotz aller Not die über unsere Heimat dadurch gekommen ist, müssen wir doch unserem Herrgott dankbar sein, daß keine Menschenleben zu beklagen sind. Noch waren die Wassermassen nicht verlaufen, da strömte schon alles was nur irgend konnte zu den besonders gefährdeten Stellen. Bald wurde fleißig gearbeitet um die Straße frei zumachen, oder die Keller auszupumpen. Alt und jung, ob Arbeiter oder Bauer, Bürgermeister oder Pfarrer, alles legte Hand mit an, nur von dem Gedanken beseelt, zu helfen wo Hilfe Not tut. Am Abend trat sofort der Gemeinderat zusammen um die ersten Hilfemaßnahmen zu beraten und schon am Montag regten sich überall wieder fleißige Hände. Es waren natürlich wieder unsere Alten, die Rentner, die zuerst am Werke waren und anfingen die Schäden zu beheben. Der Gesamtschaden wird auf ca. 1,6 Mill. DM geschätzt. Natürlich können wir Somsdorfer das nicht aus eigner Kraft schaffen und wir hoffen auf volle Unterstützung von Seiten des Staates. Dies wurde auf einer Einwohnerversammlung am Dienstag den 19.5.53 vom Vorsitzenden des Rates des Kreises Freital auch zugesagt. Der Monat Juni 1953 brachte sehr viele Gewitter, die meist auch mit starken Regengüssen verbunden waren. Besonders schlimm war es wieder am 16.6. An diesem Tage (abends gegen 18Uhr) konnten die Schleusen die Wassermassen auch wieder nicht fassen und das Wasser suchte sich seine Bahn allein. Nur wenige Tage waren ganz ohne Regen und die Bauern hatten zu tun ihr Heu unter Dach und Fach zu bringen.

Im Anschluß an diesen Bericht sind in den Aufzeichnungen noch kurze Einträge aus der Zeit nach dem Unwetter zu finden. Diese geben einen Einblick, welche anfänglichen Schwierigkeiten es mit den Reparaturarbeiten gab und wie es dann doch endlich los ging.

22.Juli 1953, Einwohnerversammlung Thema: Was geschieht am Somsdorfer Berg, Mit gespannter Erwartung waren die Somsdorfer Einwohner in die Turnhalle gekommen um über die Beseitigung der Unwetterschäden etwas zu hören. 9 Wochen sind ja seit dem Unwetter schon vergangen und getan wurde fast noch nichts. Ab und zu waren einmal Vermessungstrupps da oder Kommissionen, aber von Bauarbeitern keine Spur. Auch der 15.Juli, der als Arbeitsbeginn festgelegt war ging vorüber und nichts rührte sich. Nun wollten wir von den verantwortlichen Stellen hören was inzwischen getan wurde! Viel scheint es nicht zu sein, das kam bei dieser Versammlung heraus. Es hatte den Eindruck, als ob der Eine die Schuld auf den Anderen schieben wollte. Die große Enttäuschung der Somsdorfer kam dann auch in der Diskussion deutlich zum Ausdruck. Es wurde verlangt, daß mit der Bummelei endlich einmal Schluß gemacht wird und die Arbeit auch begonnen wird. Am 5.8. soll eine weitere Gemeindeversammlung statt finden, dort soll Bericht erstattet werden was in den 14 Tagen geleistet wurde und ob die Arbeit am 10.8. auch beginnen kann. Darauf dürften alle Somsdorfer Einwohner gespannt sein.

5.August 1953 Einwohnerversammlung, Endlich scheint es soweit zu sein und der Bau kann beginnen. An diesem Abend wird endlich von positiver Arbeit berichtet und auch schon in groben Zügen die Pläne bekannt gegeben. Befriedigt gehen wir nach dieser Versammlung heim.

15.August 1953, die ersten Bauarbeiter treffen ein und beginnen mit den Vorarbeiten. Es geht also wirklich los.

Am 1.September komme ich vom Urlaub zurück und bin überrascht, daß schon so viel geschaffen wurde. Das Wetter ist günstig und die Arbeiten schreiten den ganzen September richtig voran. In der letzten Septemberwoche beginnt man auch in Wagners Garten mit den Erdarbeiten. Auch nach dem Dorfplatz zu fängt man an das Loch für das große Sammelbecken zu graben. Die Stützmauer am Berg von Störzels hochzu macht ebenfalls große Fortschritte.

31.Okt. Reformationstag Heute zum Feiertag ruht die Arbeit. Dank des guten Wetters ist auch im Oktober fleißig geschafft worden. Die große Mauer ist schon bis hinter die Post fertig. Hinter Wagners Haus wird schon der Grund für die Randmauer gegraben.

5.Nov., Heute wird die Randmauer begonnen. Das gute Wetter hält auch weiterhin an und so kann auch im Nov. + Dez. weiter fleißig gearbeitet werden. Am ersten Berg wird schon das Packlager gesetzt. Einige Male wurde hier auch gesprengt. Auch der Durchbruch unter der neuen Straße macht große Fortschritte. Auch dort wird oft gesprengt. Viele Bauern fahren Steine und Erde und helfen somit an der Fertigstellung des Baues.

Hier enden die Aufzeichnungen. Wir wissen aber das die Arbeiten noch das ganze nächste Jahr andauerten. Bis heute ist unser Dorf von einer weiteren Unwetterkatastrophe dieses Ausmaßes verschont geblieben. Gott sei Dank! Sie sollten sich auch noch die Bilder, welche das Unwetter und dessen Folgen eindrucksvoll dokumentieren, ansehen.